Leseprobe "Knutschflecke gibt's später"

Prolog

 

Ich muss aufhören zu weinen. Ich muss aufhören, es ist bestimmt ganz leicht.

Aber ich kann nicht. Unmöglich. Woher kommt das ganze Wasser, verdammt nochmal?!

 

Ich lag in unserem Bett, das mir überhaupt nicht mehr so gemütlich vorkam wie früher, und starrte vor mich hin. Genauer gesagt war es nur noch mein Bett, denn Tom war weg.

Schon wieder spürte ich Tränen aufsteigen, als ich zärtlich über das unberührte Kissen neben mir strich.

Anschließend ließ ich mich seufzend rücklings auf meine Seite plumpsen und starrte an die viel zu weiße Zimmerdecke.

So konnte es nicht weitergehen. Ich sollte meine Zeit für sinnvolle Dinge nutzen – zum Beispiel zum Lesen oder Schwimmen. Ich hob meinen Arm und betrachtete meine fahle Haut. Wie viele Tage dauerte es eigentlich, bis man sich wundlag? Wie auch immer. Allmählich wurde es wirklich Zeit, aufzustehen.

Doch das war leichter gesagt als getan, denn meine Muskeln waren vom Liegen ganz steif. Überhaupt tat mir alles weh: Beine, Rücken, Schultern, Nacken, Augen, Wangen ... sogar die Haare. Ächzend richtete ich mich wieder auf und schaffte es tatsächlich, mich zu drehen und die Beine von der Bettkante herunterbaumeln zu lassen. Ich gähnte herzhaft und streckte die Arme so hoch ich konnte in die Luft, so dass es einmal laut Knack! machte. Dann fiel mein Blick auf mein Kissen. Mit aufgerissenen Augen befühlte ich meinen Kopf und starrte dabei den weißen Stoff mit den schokobraunen Flecken an. Richtig, ich hatte vorgestern in einem spontanen Veränderungswahn meine Haare getönt!

„So was Blödes aber auch!“

Jetzt führte ich schon Selbstgespräche.

Apropos Sprechen: Meine Eltern, meine Schwester Susanne und meine beste Freundin Kerstin haben oft und ausdauernd versucht, mir zu entlocken, was zwischen Tom und mir vorgefallen war. Also bitte!

Fakt war: Ich wollte nicht darüber sprechen. Beim bloßen Gedanken, überhaupt je wieder reden zu müssen, drehte sich mir der Magen um.

Dafür gab es diverse Gründe:

 

1.          Schmerz. Es fühlte sich an, als hätte Tom mir mein Herz rausgerissen, es platt getrampelt und dann zurückgestopft.

2.          Alle Welt würde erfahren, dass mein Freund mich sitzen gelassen und danach auch gleich noch das Land verlassen hatte.

3.          Jeder würde sich fragen, weshalb ich mit diesem Vollidioten acht Jahre meiner kostbaren Zeit vergeudet hatte.

 

Wobei Punkt drei schon fast ein Grund wäre, meinen Status bei Facebook zu aktualisieren, damit jeder wusste, dass Tom ein Schwachkopf war.

Meine Zehenspitzen berührten den kühlen Laminatboden. Angesichts der Sonne, die durch mein Schlafzimmerfenster knallte und den Raum auf Brutkastentemperatur erhitzte, war diese Berührung ein angenehmes und belebendes Gefühl. Mutig geworden, rutschte ich ein Stück weiter an den Matratzenrand heran und setzte die Fußsohlen auf.

Wie sehr Tom sich damals gefreut hatte, endlich keinen Teppich mehr im Schlafzimmer zu haben.

Mir wurde plötzlich extrem heiß und ich spürte, wie der Zorn sich durch meinen Körper fraß wie eine Raupe durch ein Blatt. Ich presste die Lippen zusammen, drehte mich um, ergriff Toms Kissen und pfefferte es so fest ich konnte auf das Bett. Buff!

„Arschloch! Scheiß Kissen!“ Noch zweimal schnellte es auf die Matratze. Buff. Buff.

„Scheiß Tom! Mistkerl!“

Ich holte aus und feuerte das wehrlose Geschoss durch das Zimmer.

„Aua!“

Erst da bemerkte ich meine Mutter.

„Was willst du hier?! Wieso kommst du einfach in meine Wohnung?!“, brüllte ich in ihr erschrockenes Gesicht.

Sie hielt das Kissen wie ein Schutzschild vor ihren Körper und starrte mich mit zusammengekniffenen Lippen an. Ich starrte zurück, atmete stoßweise und merkte, wie mein Kopf knallrot wurde - zuerst vor Wut und schließlich vor Scham. Sie konnte ja nun wirklich nichts dafür. Trotzdem musste sie aufhören, ständig bei mir einzubrechen!

„Entschuldigung.“ Ich schob die Unterlippe vor.

„Ich wollte schauen, wie es dir geht. Und dann hast du geschrien. Es scheint jedoch, dass meine Hilfe unerwünscht ist.“ Sie warf das Kissen zurück auf mein Bett.

Ich stieß zischend die Luft aus und traute mich gar nicht, sie anzusehen.

„Anna, sieh mich an.“

Trotzig schüttelte ich den Kopf.

„Ich verstehe dich ja und freue mich sogar, wenn du wütend wirst. Dennoch wird es Zeit, dass du dich aufraffst. Das Leben geht weiter, auch ohne Tom.“

„Was?!“ Entgeistert sah ich meine Mutter an. Doch die war leider noch nicht am Ende ihrer Predigt.

„Außerdem wüssten wir gerne mal, was genau passiert ist.“

Sie sah mich erwartungsvoll an, aber ich schwieg. Auf so faule Tricks fiel ich nicht herein!

Wir fixierten uns wie zwei Cowboys bei einem Duell. Es war so still, dass ich das Blut in meinen Ohren rauschen hörte.

Sie räusperte sich und ich bemühte mich, nicht triumphierend zu grinsen.

„Dann dusch jetzt mal, zieh dir was an und geh an die frische Luft. Da draußen ist es gar nicht so übel, wirst sehen.“

Ich sollte rausgehen?!

„Mama, du behandelst mich wie ein kleines Kind.“ Ich verknotete meine Beine in den Schneidersitz und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Nun, im Moment verhältst du dich auch wie eins.“

Oh. Ich stellte mich mehr oder weniger schwungvoll auf die Füße, positionierte mich direkt vor ihr und stemmte die Hände in die Hüfte.

Meine Mutter sah mich ein letztes Mal eindringlich an. Zu meinem Erstaunen zuckte sie dann mit den Schultern.

„Immerhin sprichst du wieder.“

Dann machte sie kehrt, verließ ohne ein weiteres Wort mein Schlafzimmer und kurz darauf meine Wohnung.

Ich wünschte wirklich, ich würde nicht über meinen Eltern wohnen.

So saß ich also wieder als einsamer Single da. Und das war Toms Schuld.


Kapitel 1

 

Der Kummer, der nicht spricht,

nagt an dem Herzen, bis es bricht.

William Shakespeare

 

Zwei Wochen, drei Tage, 20 Stunden und 24 Minuten zuvor.

 

„Schatz, ich bin zu Hause!“

Ich stieß die Wohnungstür mit dem Fuß zu, was sie mit einem lauten Knall quittierte. Meine Handtasche flog in hohem Bogen in die Ecke neben der Garderobe, und als sie auf den weißen Fliesen aufprallte, bückte ich mich grummelnd und hob sie wieder auf. Tom hasste in Ecken gefeuerte Taschen.

„Tohom!“

Heute spiegelte ihr blutrotes Leder perfekt meine miese Laune wider. Angefangen hatte alles am Morgen, als ich meinen Autoschlüssel nicht finden konnte.

Anschließend war die S-Bahn gerammelt voll, so dass ich zwanzig Minuten lang an einen Anzug tragenden Schnösel gequetscht wurde. Ich musste seine widerlichen Blicke in meinen Ausschnitt ertragen und stank hinterher nach seinem Aftershave.

Frau Poppe aus der Buchhaltung knallte mir gleich um neun Uhr einen riesigen Stapel Rechnungen und Mahnungen auf den Tisch – natürlich nicht ohne zu erwähnen, dass ich dieses Mal doch bitte den Rückgabetermin einhalten möge. Konnte sie vergessen.

Und zum guten Schluss hockte ich bis nach neunzehn Uhr vor meinem Schreibtisch und verpasste damit meinen Friseurtermin, obwohl der wirklich dringend nötig gewesen wäre. Meine normalerweise naturgewellten Haare hingen wie gekochte Spaghetti von meinem Kopf herunter.

„Tom?“

Seltsam. So groß war unsere Wohnung gar nicht, er musste mich doch hören.

Ich zog meine Jacke aus und hängte sie ordentlich an die Garderobe. Meine Schuhe standen bereits fein säuberlich nebeneinander und nach Farben sortiert unten im Schuhschrank. Was tat frau nicht alles für einen zufriedenen Mann?!

Apropos Mann: Ich wollte heiraten. Mit 28 konnte es endlich losgehen. Schließlich planten wir Kinder ... ich zumindest. Und es sah ganz so aus, als wäre Tom nun auch endlich bereit.

Neuerdings bekam ich fast täglich einen Begrüßungskuss, wenn ich abends nach Hause kam. Und gestern schaffte er freiwillig den Müll nach unten – eine absolute Premiere. Danach hatte er mir ein Bad eingelassen. Ich war also ziemlich sicher, dass er etwas im Schilde führte. Etwas Großes. Einmaliges. Als ich mir vorstellte, wie ich nächstes Jahr im Frühsommer vor den Traualtar treten würde, traten mir Tränen der Rührung in die Augen. Ich träumte von einem bombastischen weißen Brautkleid, das meine kleinen Rundungen perfekt versteckte und meine Vorzüge noch perfekter zur Geltung brachte. Die Illusion, bis dahin keine überflüssigen Rundungen mehr zu haben, hatte ich längst aufgegeben.

Tom würde einen todschicken Anzug tragen. Wir würden keine Kosten und Mühen scheuen und die prunkvollste Hochzeit aller Zeiten feiern ... Nein, ich brauchte den ganzen Krempel nicht. Ich wollte einfach nur Frau Lach heißen oder, noch besser, Tom würde meinen Namen annehmen. Ich hörte die anderen Kinder bereits höhnende Verunglimpfungen rufen, zum Beispiel Lachsack.

Mittlerweile sah ich ein, dass Tom nicht zu Hause war.

Also marschierte ich schnurstracks ins Schlafzimmer, schälte mich aus meiner Jeans und kramte meine knallgelben Leggins, deren Stoff vom vielen Waschen bereits teilweise durchsichtig war, aus ihrem Versteck hinter meinen Pullovern. Eilig schlüpfte ich hinein und lächelte anschließend den Papagei im Spiegel zufrieden an: blaue Sneakers, gelbe Leggins, buntgestreiftes Top.

Ich warf einen Blick auf mein Handy. Nichts. Auf meine SMS hatte ich auch keine Antwort bekommen.

Ich zuckte mit den Schultern und eilte ins Wohnzimmer. Mein Ziel waren meine Couchecke und die Fernbedienung.

Bevor ich mich jedoch hineinkuschelte, hielt ich inne und musterte das Möbelstück kritisch. Es sah gut aus und bequem war es sowieso – sein einziges Manko war die Farbe. Weiß. Der verwischte, graue Fliegenrest auf der Armlehne, der sich hartnäckig gegen jeden Fleckentferner wehrte, kam immer wieder wunderbar zur Geltung.

Dabei hatte ich Tom noch davor gewarnt.

 

„Bist du dir sicher, dass wir die Couch in Weiß kaufen sollen?“ Zweifelnd war ich mit der Hand über den weichen Stoff gefahren.

„Na klar, die Farbe ist super und passt außerdem toll in unser Wohnzimmer.“ Tom hatte bis über beide Ohren gestrahlt, aufgeregt wie ein kleines Kind war er gewesen.

„Aber weiß ist sehr empfindlich. Ich meine ... wenn wir mal Kinder haben sollten, dann ...“

Sein schallendes Gelächter versetzte mir einen kleinen Stich.

„Anna, bis wir, wenn überhaupt, mal Kinder haben, ist dieses Ding alt und gammelig.“

Das klang nicht sonderlich aussichtsreich. Ich war im Rechnen nie besonders gut gewesen, aber ich wusste, dass so eine Couch ziemlich lange halten konnte. Und wenn man dem Ganzen dann mein Alter als Komponente hinzufügte ...

Schon damals hätte ich also wissen müssen, dass wir, was Kinder und Möbel betraf, unterschiedlicher Ansicht waren.

 

Das war ewig her. Ich schüttelte mich, betrachtete für einige Sekunden die bunten Blumen auf meinem Balkon und wünschte mir die Couch auf den Sperrmüll.

Gerade, als ich schließlich im Begriff war, Schwung in Richtung Sitzfläche zu nehmen, entdeckte ich den kleinen blauen Zettel auf dem Couchtisch. Ich drehte ihn unschlüssig in meiner Hand, faltete ihn auf und ... Das durfte ja wohl nicht wahr sein!

 

Anna,

ich bin weg. Ich weiß, das kommt jetzt plötzlich.

Aber ich fühle mich eingeengt. Ich erfülle mir

meinen Traum und werde durch die Welt reisen.

Ich lasse dir alles da. Hoffentlich wirst du

glücklich. Es hat nichts mit dir zu tun.

Du bedeutest mir viel.

Tom

 

Mein Herz setzte für einen Moment aus, mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Wie jetzt ...?

Ich spürte, wie Säure meine Speiseröhre emporkroch. Dann konnte ich den Würgereiz nicht mehr unterdrücken und schaffte es eben noch bis zum Klo - und danach ins Bett.

Das war also der Tag, an dem ein kleiner blauer Zettel mich zum Kotzen brachte, ich mich verkroch und mir, warum auch immer schwor, nie wieder aufzustehen und schon gar nicht darüber zu sprechen, warum ich das tat.

 

Zwei Wochen, drei Tage, 20 Stunden und 24 Minuten später hatte ich dann neben der Vorahnung, dass mein Leben auch ohne Tom weitergehen könnte, eine weitere Erkenntnis: Ich musste aufstehen.

Ich tapste ins Wohnzimmer und hielt mich für wenige Sekunden am Türrahmen fest, denn „Wohnzimmer“ war kaum die richtige Bezeichnung für das Bild, das sich mir bot.

Es roch ziemlich muffig. Die Rosen auf dem Couchtisch, oder vielmehr deren vertrocknete Überreste, ließen resigniert die Köpfe hängen. An allen Fenstern waren die Rollos halb heruntergelassen und im hereinfallenden Sonnenlicht tanzten Staubkörner umher.

In der Küche stapelte sich das schmutzige Geschirr. Meine Mutter hatte mehrmals den Versuch unternommen, sauber zu machen, aber ich hatte sie jedes Mal aus der Wohnung geworfen.

„Ich bin nicht nur ein Neandertaler, ich bin eine Schlampe.“

Ich brummte missmutig und trollte mich erst einmal ins Bad.

Mein Nachthemd und mein Slip landeten auf dem Boden und ich betrat im Evakostüm das ebenfalls eingestaubte Badezimmer. Dabei pflegte ich diesen Raum immer besonders, weil ich so gern unter dem Dachfenster in der Badewanne, in der genug Platz für zwei Personen war, entspannte. Vor allem spätabends, wenn man dabei den Himmel und bestenfalls die funkelnden Sterne betrachten konnte.

Ich schüttelte mich und kletterte schnell in die Dusche.

Die Duschkabine war ruckzuck eingenebelt und das Herz, das Tom noch vor wenigen Tagen an das Glas gemalt hatte, erschien wie von Geisterhand. Mit den Fingerspitzen berührte ich die Konturen auf der kalten Oberfläche. Mit brennenden Augen wandte ich mich ab und ließ den Duschstrahl auf mich hinabprasseln.

Das warme Nass streichelte meine Haut und ich sog den Duft von Orangen, Zitronen und Kokos ein, als ich mich mit meinem Lieblingsshampoo einschäumte. Dann drehte ich das Wasser ab und schloss, während der Schaum durch meine Finger glitt, die Augen. Ich versuchte, mich nur auf dieses Gefühl zu konzentrieren. Die Schaumbläschen knisterten leise und ich spürte, wie die weißen Shampoowolken meine Rücken hinunterglitten. Für etwa zehn Sekunden funktionierte es tatsächlich: Mein Gehirn schaltete auf Stand-by und ich träumte mich in die Karibik mit Kokosnüssen, sanfter Musik und im Wind wehenden Palmen.

Dann tauchte wie aus dem Nichts Tom auf und ich presste die Augen fest zusammen. Braungebrannt spazierte er lässig durch den zuckerfeinen Sand, in der einen Hand eine Caipirinha und an der anderen eine ebenso gebräunte Schnepfe im knappen Bikini.

Erst als ich in genau diesem Bikini ins Bild gestiefelt kam, riss ich die Augen auf. Genug jetzt!

 

Noch nass und in ein Handtuch gewickelt, tapste ich vom Bad über den Flur zur Abstellkammer. Meine Füße erzeugten auf den Fliesen schmatzende Geräusche. Ich schnappte mir Lappen und Sprühreiniger, flitzte zurück ins Bad und sprühte so viel Reiniger auf Toms Herz, dass ein kleiner Schaumhügel entstand. Dann schrubbte ich, bis das Glas nur so quietschte. Immer wieder rubbelte ich über die Stelle und reinigte schließlich die komplette Dusche, bis ich zufrieden und mit in die Hüfte gestemmten Händen mein Werk betrachtete.

Plötzlich verspürte ich den Drang nach frischer Luft. Also öffnete ich das quietschende Dachfenster, streckte den Kopf hinaus und atmete tief ein. Es roch nach frisch gemähtem Gras und der Himmel strotzte nur so vor Blau, als würde er mich einladen, nach draußen zu kommen. Nur in der Ferne bauten sich ein paar dunkle Wolken auf.

Mein Vater kämpfte unten im Garten mit dem neuen grünen Ampelsonnenschirm. Er versuchte, das riesige Teil in die viel zu enge Halterung zu hieven und sah dabei aus wie Luke Skywalker mit seinem Laserschwert. Seine grauen Haare standen wirr vom Kopf ab – und er trug wie sooft Socken in den Sandalen. Ich hörte ihn fluchen.

„Soll ich dir helfen?“, brüllte ich. Er richtete sich auf, rang um sein Gleichgewicht und schaute verwirrt umher. „Papa! Hier oben!“

Bevor er sich zu mir umdrehte, stellte er den Schirm ab und ich wedelte mit der Hand, so wie ich es früher als kleines Mädchen getan hatte, obwohl meine Eltern mir strengstens verboten hatten, einen Stuhl ans Fenster zu stellen. Er schüttelte den Kopf und winkte ab.

Ich lächelte und wandte mich zum Waschbecken.

Dort löste ich das Handtuch von meinem Kopf, wischte damit über den beschlagenen Spiegel und musterte die Frau, die mir entgegen sah.

„Du siehst wirklich übel aus!“

Ich warf das Handtuch gegen mein Spiegelbild und machte mich daran, den Rest des Bades zu putzen.

Anschließend sorgte ich, immer noch in mein rotes Duschhandtuch gewickelt, in der Küche für Ordnung: Geschirr in die Spülmaschine räumen, Krusten und Flecken von der Arbeitsplatte kratzen, die traurigen Blumenreste entsorgen, Mülltüte zubinden und staubsaugen. Zu guter Letzt duschte ich ein weiteres Mal, weil ich mich schon wieder schmutzig fühlte.

Nachdem ich die Frau im Spiegel diesmal ignoriert und mich eingecremt hatte, suchte ich mir etwas Vernünftiges zum Anziehen. Ich entschied mich schließlich für einen Jeansrock, ein gelbes Top und die blauen Pumps, die Kerstin mir bei unserem letzten Einkaufsbummel aufgeschwatzt hatte. So öffnete ich todesmutig die Haustüre.

„Du gehst raus?“

Meine Mutter, die gerade aus dem Keller kam, stellte überrascht den Wäschekorb ab.

„Sieht ganz so aus.“

„Jürgen, sie geht raus!“

Sie klatschte begeistert in die Hände und rannte ohne ein weiteres Wort in den Garten. Diese Frau machte mich fertig!

Genervt zog ich die Tür hinter mir zu und atmete erst einmal tief durch.

Geschafft, ich war draußen. Obwohl der Himmel über mir strahlend blau und der Juli noch nicht zu Ende war, quälte die Hitze nicht so sehr, wie ich befürchtet hatte. Im Vorgarten blühten und dufteten Klatschmohn und Margeriten, dazwischen leuchteten Vergissmeinnicht und Ringelblumen. Auf der Wiese lachten mich Gänseblümchen und Butterblumen an. Als Kind hatte ich diese gelben Blumen geliebt und meiner Mutter jeden Tag einen Strauß davon gepflückt. Vergangenen Sommer hatte mir Tom auch einen winzigen geschenkt. Er hatte gelächelt und gesagt:

„Für mein kleines Mädchen. Ich weiß doch, dass du sie früher immer gern hattest.“

Natürlich hatte ich gelacht und ihn dankbar geküsst. Das schien Lichtjahre entfernt zu sein.

Ich rieb die Tränen aus den Augenwinkeln und machte mutig einen Schritt nach vorne.

„Anna?!“

Ich zuckte zusammen und sah in Richtung Straße. Wer war denn das? Braune Haare, Jeans und dunkelblaues Poloshirt ... Seine Haare standen wild durcheinander, und er lächelte mich an. Dabei entstanden kleine Fältchen um seine freundlichen Augen. 

„Ich bin’s, Felix! Lange her, ich weiß.“

In meinem Kopf ratterten die Zahnräder wie in einer alten Taschenuhr.

 „Felix ... also ...“ Ich spürte, dass ich knallrot anlief. Verdammt, warum musste es mir ausgerechnet in diesem Moment die Sprache verschlagen?

Er deutete mit dem Kinn zum Nachbarhaus. Und endlich rastete das fehlende Zahnrädchen ein.

„Felix!“

Er grinste breit, ich eilte zur Gartenpforte und blieb unsicher davor stehen. Mein Kopf war leer wie ein Schwimmbecken ohne Wasser.

Da stand wahrhaftig Felix Wagner, meine erste große Liebe. Er trug sein Haar jetzt kurz und war nicht mehr so schlaksig wie früher. Leider ist aus uns nie ein Paar geworden, weil er sein Studium statt in Köln in München begonnen hatte. Seitdem waren wir uns nicht mehr über den Weg gelaufen, was ich angesichts der peinlichen Tatsache, dass ich immer noch zu Hause wohnte, einerseits merkwürdig und andererseits wiederum gut fand.

Natürlich war ich damals unendlich traurig gewesen. Und nun stand er nach vierzehn Jahren leibhaftig vor mir.

„Unglaublich, dass wir uns gerade heute begegnen.“

Ich schluckte trocken und nickte.

„Wirklich.“

„Offensichtlich ist einige Zeit vergangen.“ Er musterte mich ungeniert von oben bis unten und lächelte dann. „Als ich neunzehn war, warst du ...?“

„Jünger. Vier Jahre, um genau zu sein.“

Ich öffnete vorsichtig die Pforte und Felix zog mich zu meiner Überraschung fest in seine Arme. Wow. Sein Körper war warm und duftete nach Zimt und Honig mit einem Hauch Leder.

Plötzlich fühlte ich mich für einen Moment wieder wie die kleine Anna von nebenan, denn eine solche Umarmung hatte ich mir als verknallter Teenager von Felix immer gewünscht. Ich atmete tief ein. Zimt. Ich liebte es.

„Entschuldige, ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist.“ Er steckte die Hände in die Gesäßtaschen und betrachtete mich abermals eingehend. „Du bist groß geworden.“

„Du auch.“ Ich biss die Zähne zusammen und hätte gerne mit den Augen gerollt. „Außerdem bist du gepudert.“

„Was?“ Er schaute an sich herunter und klopfte den weißen Staub ab. „Meiner Mutter ist vorhin ein Kilo Mehl heruntergefallen. Sie hat das Backen für sich entdeckt.“

Als er grinste, erschienen sowohl an den Augen als auch in den Mundwinkeln kleine Grübchen, die mein Herz sofort schneller schlagen ließen. Ich gab mir Mühe, ruhig und gleichmäßig zu atmen: einatmen, ausatmen, ein, aus ... Kam jedoch trotzdem ins Schwitzen und wünschte mir, diese Grübchen zu berühren und ihn auf der Stelle ...

Tränen?!

Ich spürte sie meine Wangen herunterlaufen. Dass Felix mich verwundert ansah, machte das plötzliche Piken in meinem Bauch auch nicht besser. Oh Mann. Das durfte man niemandem erzählen. Endlich ging mein Traum in Erfüllung – okay, vierzehn Jahre zu spät – und ich heulte. Vom unerwarteten Zittern meines Körpers ganz zu schweigen.

„Was ist denn los?“ Felix hob mein Kinn an. Die Fragezeichen in seinen Augen sprangen mir beinahe entgegen.

Ich schniefte wie ein kleines Kind und wischte mir mit dem Handrücken die Tränen fort. „Das ist jetzt echt peinlich.“

„Ich finde es schön, dass du dich dermaßen freust, mich zu sehen.“ Er lächelte und neigte den Kopf.

Ich musste trotz allem kichern. „Hast du vielleicht ... hast du ein Taschentuch?“ Meine Stimme zitterte.

„Leider nicht.“ Er zuckte hilflos mit den Schultern und ich senkte meinen Blick.

„Du könntest mir verraten, was dich bedrückt“, schlug er vor.

„Nein.“

„Bist du sicher? Ich bin ein guter Zuhörer.“

„Ja.“

„Ja, was?“

„Ja ... nein.“ Ich schüttelte den Kopf und holte tief Luft. „Ja, du bist sicherlich ein guter Zuhörer und nein, ich möchte nicht darüber sprechen.“

Hey, ein ganzer Satz.

„Magst du denn einen Kaffee mit mir trinken gehen? Wir haben uns doch ewig nicht gesehen.“

„Du willst mit mir Kaffee trinken gehen?!“, quiekte ich und blinzelte.

Felix lachte. „Ja, sicher. Also?“

Ich schluckte und da machte es Klick! in meinem Kopf.

„Eis.“

„Eis?“

„A) Ist es für Kaffee zu warm. B) Trinke ich überhaupt keinen. C) Habe ich unbändige Lust auf ein Eis und D) darfst du mich einladen.“

Ich konnte wieder Sätze bilden! Unglaublich.

„Das ist mal ein Wort.“ Er packte mich bestimmt, aber sanft am Arm und schob mich in Richtung eines schwarzglänzenden Audis.

„Ist das deiner?“

„So ist es. Steig ein.“

Ach, Ledersitze.       

„Wow, das riecht ja alles wie neu. Und sieht auch so aus.“ Bewundernd sah ich mich um und schnallte mich an. Es roch nicht nur nach Neuwagen und Leder, sondern auch nach männlichem Aftershave oder Parfum. Sehr herb, jedoch durchaus angenehm.

Er sah mich von der Seite an.

Ich seufzte und wies auf das rosarote, mit Rostflecken geschmückte Gefährt in unserer Einfahrt.

„Oh.“ Er nickte und verzog den Mund.

„Darf ich vorstellen: mein rosaroter Panther.“

Felix lachte schallend. Ich mochte dieses Lachen. Aber leider schlich sich Tom mit seinem Gelächter, das immer ein bisschen so klang, als hätte er Schluckauf, in meinen Kopf.

Hau ab!

„Immerhin“, sagte ich zu meiner Verteidigung, „hat er Klima, fährt zuverlässig und hat keine Mängel.“

„Bist du sicher? Lässt du ihn regelmäßig warten?“

„Warten? Nö, wieso, der fährt doch. Mein Freund“, ich biss mir auf die Unterlippe, „Exfreund hat sich darum gekümmert.“ So leise und abgehackt, wie ich das Wort „Exfreund“ aussprach, hätte eine andere Frau vielleicht „Syphilis“ gesagt.

„Soso.“ Während er mich weiterhin betrachtete, startete er den Motor. Ich hoffte, er würde noch etwas Tröstendes sagen, doch er richtete den Blick auf die Straße und fuhr los.

Schweigend saßen wir eine Weile lang da. Wahrscheinlich waren es nur wenige Minuten, die mir jedoch wie Stunden vorkamen. Ich starrte aus dem Fenster und sprach in Gedanken mit mir selbst, um mich abzulenken.

„Okay, unglaublich, aber wahr. Du sitzt unverhofft in Felix Wagners brandneuem Audi auf dem Weg zum Eiscafé. Du hast dein Auto „Rosaroter Panther“ genannt und offenbart, dass du eine dumme Tussi bist, die sich nicht allein um ihr Fahrzeug kümmern kann. Und du hast Tom erwähnt. Was gut ist, denn jetzt weiß Felix, dass du Single bist.

Halt den Ball flach. Wer weiß, ob er überhaupt Single ist. Der hat bestimmt eine Freundin ... verheiratet ist er nicht, jedenfalls trägt er keinen Ring.

Du bist peinlich, Anna Neumann. Dein Freund ist seit zwei Wochen, drei Tagen und knapp dreiundzwanzig Stunden weg und du willst dich dem Nächstbesten an den Hals werfen. Zugegeben, das Schicksal hätte härter zuschlagen können. Also ...“

„Du solltest deinen Wagen wirklich regelmäßig kontrollieren lassen.“

Verwirrt linste ich zu Felix, der schmunzelnd die Straße im Auge behielt, herüber. Mein Herz machte einen kleinen Sprung.

Dann schaute ich wieder aus meinem Fenster und konnte es einfach nicht verhindern: Meine Mundwinkel bogen sich unaufhaltsam nach oben.

 

Wenig später hatten wir in der überfüllten Eisdiele den letzten winzigen Tisch ergattert. Gebannt lauschte ich seinen Erzählungen über sein Studium und den Job als Berater für irgendwas im Personalwesen und Coaching. Obwohl ich wie Kaugummi an seinen Lippen klebte, schaffte mein Gehirn es nicht, alle Informationen zu verarbeiten. Seine Stimme schien wie ein Echo in einem Tunnel zu mir zu hallen – ist das nicht auch so, wenn man auf Drogen ist?

Meine Haut hatte aufgehört zu jucken, ich hatte bereits seit einiger Zeit nicht mehr geweint – ein Rekord, der bisher bei einer Stunde und achtundfünzig Minuten lag.

Felix brachte meine Gefühlswelt in Wallung wie eine Wellenmaschine das Wasser im Schwimmbad. Die größte Schuld daran trug sein spitzbübisches Lächeln, das diese Grübchen zum Vorschein kommen und seine Augen leuchten ließ. Zugegebenermaßen war ich aus der Übung, was das Flirten mit fremden Männern anging.

Nicht, dass ich flirten wollte!

Doch ich wurde das Gefühl nicht los, dass Felix mich testete.

„... dabei bringe ich den Mitarbeitern bei, wie sie selbstbewusst Kundengespräche führen können. Hast du so ein Training schon mal gemacht?“ Er sah mich etwas zu intensiv für meinen Geschmack an, als würde er mit einem Röntgenblick in mich hineinsehen wollen.

Verdammt. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach.

„Hast du mir überhaupt zugehört?“

Ich blähte die Wangen auf wie ein Frosch und ließ die Luft zwischen den Lippen entweichen.

„Ehrlich gesagt hast du mich abgelenkt.“ Ich rührte in meinem Becher.

„Hab ich das?“ Da waren sie wieder, seine Grübchen. Es war zum Verrücktwerden. Ich versuchte, mich auf die Gespräche um mich herum zu konzentrieren, wollte mich abwenden und die anderen Gäste beobachten, aber ich konnte nicht. Mein Kopf war genauso steif wie die Blumen, die ich heute entsorgt hatte.

„Genug von mir.“ Er fixierte mich, woraufhin ich mich prompt an meiner Eisschokolade verschluckte.

„Wie bitte?“, krähte ich. Diesmal blieb Felix ernst.

„Jetzt erzählst du mir, welcher Idiot dich zum Weinen bringt.“

Mein Herz setzte aus – zwar nur für einen Schlag, aber es setzte wahrhaftig aus. Darüber hinaus wurde mir plötzlich heiß, ich spürte die wohlbekannte Röte in meine Wangen steigen.

Ich stocherte in meinem Eisbecher herum und versuchte, ruhig zu atmen. Ein und aus. Ein und aus. Ich ahnte, er würde nicht locker lassen. Was bedeutete, dass ich zum ersten Mal über den Zwischenfall reden musste.

Ob ausgerechnet Felix dafür der Richtige war?

Ich hob meinen Kopf und sah in seine warmen, aufmunternden Augen.

Mein Puls hämmerte, als würde ich den 800-Meter-Lauf bei den Bundesjugendspielen rennen. Mein Schokoladeneis war mittlerweile flüssig.

„Ich ... ich habe noch niemandem davon erzählt.“ Ich presste die Lippen aufeinander.

„Dann wird es langsam Zeit.“

„Aber hier, bei all den Leuten ...“

Er zuckte mit den Schultern. „Danach fahre ich zurück nach Hause und du siehst mich nicht wieder, wenn du das willst.“

Es pikte in meinem Herzen, wie wenn man sich mit einem Zahnstocher in den Finger sticht.

Dann seufzte ich, schloss kurz die Lider und griff in meine rechte Gesäßtasche. Ich fand sofort, was ich suchte und fühlte, wie sich mein Magen zusammenzog.

Dann legte ich ihn schweigend vor Felix auf den Tisch: den zerknitterten, kleinen blauen Zettel.

 


Kapitel 2

 

Wie oft auch der Faden aus Ihrer Hand gerissen wird, müssen Sie genug Geduld erwerben,

ihn wieder aufzuwickeln.

Walter Gropius

Keine Ahnung, warum ich den Zettel mitgenommen hatte.

Felix griff danach und berührte für den Bruchteil einer Sekunde meine Finger. Er sah mich unverwandt an, während er das Papier auseinanderfaltete.

Als hätte ich mir einen Schal zu fest umgebunden, fühlte ich einen Kloß in meiner Kehle. Mein Blick wanderte rastlos umher. Hin und wieder linste ich zu Felix, der konzentriert und mit finsterer Miene viel zu lange das blaue Papier studierte. Auf seiner Stirn hatte sich eine kleine Falte gebildet.

Nach einer gefühlten Ewigkeit schaute er endlich auf. Die Freundlichkeit war aus seinen Augen gewichen, seine Körperhaltung versteifte sich und er presste die Lippen aufeinander. Ich rutschte unruhig auf meinem Stuhl herum.

„So ein Vollidiot“, stieß er schließlich hervor.

Dann griff er nach meiner Hand, die nervös mit der Serviette auf dem Tisch spielte, und drückte sie. Sein Händedruck löste ein Gefühl in mir aus, als hätte ich mich nach einem harten Arbeitstag in ein heißes Schaumbad gesetzt.

Felix strich mit dem Daumen über meinen Handrücken.

Wo seine Haut meine berührte, kribbelte es wie Brausepulver auf der Zunge.

So ein Mist, ich war echt nichts mehr gewöhnt. Obendrein war ich wahrscheinlich rot wie eine Tomate.

In einer Kurzschlussreaktion zog ich meine Hand zurück. Sie fühlte sich plötzlich kalt und einsam an, als sich Felix‘ Wärme viel zu schnell verflüchtigte.

Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte schon wieder durch mich hindurch.

„Ich verrate dir jetzt, was mir passiert ist“, brach er das Schweigen. Er beugte sich über den Tisch und sein Duft nebelte mich mal wieder ein.

„Ich habe meine Ex-Freundin mit ihrem Chef erwischt. In meinem Bett.“

„Oh.“ Ich schluckte schwer.

„Und wenn du jetzt denkst, dass das eine üble Sache ist“, er lehnte sich erneut zurück, „dann solltest du wissen, dass das alles zwei Wochen vor unserer Hochzeit geschah.“

„Nein!“ Ich schlug entsetzt die Hand vor den Mund.

„Oh doch.“

Na gut, er hatte gewonnen. Seine Geschichte war definitiv trauriger als meine. Allerdings machte er nicht gerade den Eindruck, als würde ihm dieser Umstand besonders zu schaffen machen. Im Gegenteil, er sah jetzt sogar recht entspannt aus.

Ich hingegen schob nervös eine verlorene Haarsträhne hinter mein Ohr.

„Wie lange ist das her?“, flüsterte ich.

„Fast ein Jahr.“ Er zuckte die Achseln.

„Oh.“

„Ich will nur sagen ... man überlebt es.“

„Aber wie?“

„Ich habe einfach weiter gemacht. Darüber gesprochen. Allen erzählt, was für eine Schlampe sie ist. Das ist eigentlich am besten: Sag es allen. Gleich die Fronten klären, nicht dass Tom noch auf die Idee kommt, die Geschichte anders zu erzählen. Falls er wieder kommt, hast du alle auf deiner Seite.“

Ich nickte. Klar, ich musste umgehend Tom den schwarzen Peter zuspielen, es bei Facebook reinsetzen und mit meinen „Freunden“ teilen. Oder, noch besser, ich würde es als öffentlichen Eintrag mit der ganzen Welt teilen!

Damit auch die schicke Bikinitussi am Strand von Honolulu wusste, dass Tom ein mieser Feigling war.

„Du müsstest jetzt mal dein Gesicht sehen. Ich würde zu gern wissen, was in deinem Kopf vorgeht.“ Felix lächelte mich an.

Besagter Kopf wurde natürlich knallrot. Weil ich wusste, dass sowieso nur Unsinn aus meinem Mund kommen würde, hielt ich ihn wohlweißlich.

„Schau mich doch nicht so an, Anna. Hast du Lust, ein bisschen zu laufen?“

Meinte er etwa Joggen?! Ich hasste Joggen! Und dann auch noch mit den Schuhen!

„Spazierengehen. Im Park.“

„Ach so ... “, ich kicherte verlegen.

Ich schob die Haarsträhne, die mich schon die ganze Zeit nervte, hinter mein Ohr, erhob mich schnell und stapfte los.

Felix beglich die Rechnung und folgte mir anschließend.

 

Es war unangenehm schwül geworden. Auf einmal war der Himmel nicht mehr blau, sondern grau und wolkenverhangen. Als wir ins Freie traten, legte sich ein feucht-klebriger Film auf meine Haut und ich begann zu schwitzen. Auch das noch.

„Huch, wo kommen denn die Wolken auf einmal her?“, stutzte Felix und betrachtete den Himmel.

Irgendwie süß, dieser verblüffte Gesichtsausdruck.

„Soll ich dich lieber nach Hause bringen?“

„Bist du verrückt?!“

Hatte ich das etwa laut gesagt?

Felix’ Lachen nach zu urteilen, hatte ich es wahrhaftig ausgesprochen.

Dann sah er mich plötzlich ernst an und es war mir unmöglich, wegzusehen, so sehr ich es auch wollte.

„Vielleicht bin ich ja wirklich ein bisschen verrückt“, gab er mit kratziger Stimme zu.

Meine Haut kitzelte, als würden Ameisen darüber krabbeln. Am liebsten wollte ich nach ihnen schlagen, doch ich war wie versteinert. Wieso warf Felix mich so aus der Bahn? 

Da fiel mir auf, dass ich tatsächlich schon eine ganze Weile nicht mehr an Tom gedacht hatte. Bis jetzt. Dieser Blödmann schlich sich wirklich immer zu den unpassendsten Zeiten in mein Gehirn.

„Na komm, lass uns ein paar Schritte gehen. Ich war schon ewig nicht mehr hier. Früher bin ich oft mit meinen Freunden in diesem Park gewesen“, erklärte er und grinste. „Es ist, als wäre es hundert Jahre her.“

„Falls es dich beruhigt: Du siehst nicht so aus, als wären es hundert.“

„Ach, das ist aber nett.“

„Ein Glück, dass du nicht gesagt hast, dass ich nett bin.“

„Warum sollte ich das nicht sagen?“

„Weil nett die kleine Schwester von scheiße ist.“

Was redete ich da?!

Da lachte er wieder, wodurch ich Gelegenheit hatte, seine Grübchen erneut zu bestaunen. Ich wollte sie so gern berühren. Über mich selbst erstaunt, riss ich die Augen auf.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“ Mit gekräuselter Stirn sah Felix mich an.

„Lass uns einfach losgehen“, meinte ich und setzte mich in Bewegung.

Eine Weile spazierten wir schweigend nebeneinander her. Zuerst war zwischen uns ein gefühlter Meter Platz, doch irgendwann berührten sich wie zufällig hin und wieder unsere Hände. Und jedes Mal wünschte ich mir, er würde nach meiner greifen. Aber er sagte nur:

„Hörst du das? Es donnert.“

Na, super. Gewitter. Und wir im Park. Es war wenig los an diesem Nachmittag, obwohl es vorhin in der Eisdiele noch brechend voll gewesen war. Wahrscheinlich waren alle anderen so clever, sich wegen des drohenden Wetterumschwungs drinnen aufzuhalten – oder zumindest dort, wo man schnell Unterschlupf fand.

Der Weg vor uns schlängelte sich vorbei an Büschen und Bäumen, links von uns lag die große, grüne Liegewiese, die lange keinen Rasenmäher mehr gesehen hatte.

Der plötzlich aufkommende Wind rauschte durch die Blätter und ließ die Baumwipfel hin und her schaukeln. Natürlich fielen kurz darauf die ersten Regentropfen. Es hätte nieseln können, aber nein, die Wolken ließen gleich fette, schwere Tropfen auf die Erde platschen. Und auf uns.

„Wie nett, ein Sommerregen“, spottete Felix und packte mich am Arm. „Los, komm mit. Wir rennen bis zur Brücke da hinten.“

„Warte mal!“

„Auf besseres Wetter oder worauf?“

„Halt mich mal.“ Ich stützte mich an ihm ab und schlüpfte aus meinen Schuhen. Da erinnerte ich mich wieder, warum ich keine Pumps mochte.

Also doch joggen und dann auch noch im Regen, während der Donner am mittlerweile sehr dunklen, wenn nicht sogar schwarzen, Himmel grollte. Eigentlich sehr romantisch, wenn man nicht so unsportlich war wie ich. Ich hetzte also hinter Felix her, in dem kläglichen Versuch, mit ihm Schritt zu halten. Es regnete mittlerweile wie aus Eimern. Ziemlich schnell fraß sich das Wasser durch mein Shirt. Bald schon klebten mir sowohl Haare als auch Klamotten an meinem Körper, letzteres reichlich unvorteilhaft für meine nicht ganz vollkommene Figur.

Ganz mit mir selbst beschäftigt – Rennen, Atmen, Selbstmitleid, Atmen, Weiterrennen – hatte ich nicht bemerkt, dass Felix sein Tempo gedrosselt hatte. Er drehte sich um und unsere Blicke trafen sich. Da war es erneut: unser persönliches Gewitter.

Bremsen!

Doch ich hatte die Rechnung ohne die nasse Wiese gemacht. Meine Füße machten sich plötzlich selbstständig. Ich ruderte wie eine Ertrinkende mit den Armen, meine Schuhe patschten ins nasse Gras. Ich dachte noch „Scheiße!“ und landete mit einem satten Flaaatsch! unsanft neben ihnen im Grünen.

Mein Anblick war bestimmt ein Bild für die Götter: Ich kniete wie ein Schwein, das sich im Schlamm suhlt, vor Felix, während der Regen auf mich hinabtrommelte.

„Hast du dir wehgetan?“

Er hockte sich sofort neben mich. Ich starrte auf meine schmutzigen Hände und betete, dass die Erde sich öffnen würde, was sie natürlich nicht tat. Schließlich atmete ich tief durch und hob den Kopf.

Immerhin versuchte Felix, besorgt auszusehen, was jedoch nicht über sein freches Grinsen hinwegtäuschte. Ich richtete meinen Oberkörper auf, die Hände dreckig und gespickt mit klebrigen Grashalmen und er hielt mir seine Hand hin. Auf keinen Fall würde ich mich noch mehr erniedrigen! Ich sah aus wie ein kleines Kind, das im Matsch gespielt hatte. Doch Felix ergriff wortlos meine Hand, umschloss sie mit seinen warmen, langen und vom Regen nassen Fingern, bückte sich nach meinen Schuhen und zog mich mit sich. Meine Hand brannte. Nicht dieses schmerzhafte Brennen, wenn man an einen heißen Kochtopf kommt. Eher brannte sie ... nach mehr. Und diese Hitze durchbohrte die unangenehm klebenden Textilien sowie meine nasse Haut und loderte in mir weiter. Meine Nackenhaare richteten sich auf, mein Puls beschleunigte sich noch mehr, obgleich er sich ohnehin schon überschlug. Zu allem Überfluss wäre ich beinahe erneut gestolpert, weil ich vergaß, mich auf meine Füße zu konzentrieren.

Da war sie, die alte Brücke aus rotem Backstein. Warum sie genau dort stand, wusste niemand. Es gab weder einen Fluss noch sonst irgendetwas zu überqueren. Jedenfalls war es im Sommer immer gut, dort einen schattigen Platz zu ergattern. Oder, wie in unserem Fall, einen trockenen.

Keuchend rang ich nach Luft. Ich musste unbedingt mehr Sport machen!

Ich fühlte mich wie ein begossener Pudel.

Sein Anblick half mir auch nicht dabei, wieder zur Ruhe kommen. Im Gegenteil.

Seine Kleidung war natürlich ebenso durchnässt wie meine und klebte an ihm wie eine zweite Haut.

Wassertropfen rannen sein Gesicht herunter, während er mich stumm ansah. Er war kaum aus der Puste. Der große Tropfen auf seiner Nase erweckte meine Aufmerksamkeit. Ich wollte ihn wegküssen. Jetzt. Sofort.

„Alles okay?“ Felix Stimme klang rau und kratzig, und sie jagte mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper.

Ich nickte nur und starrte ihn an. Mein Brustkorb hob und senkte sich schneller als sonst, was nicht mehr nur am Laufen vorhin lag.

„Nur zur Info: Ich hasse Rennen.“ Meine Lippen bewegten sich zwar, aber ich kam mir wie ein Bauchredner vor. Außerdem klang meine Stimme fremd: ungewohnt weich und leise.

Felix hielt immer noch meine Hand.

Der Regen platschte in dicken, schweren Tropfen in das pitschnasse Gras. Das Gewitter hatte uns verschont, der Donner grollte in der Ferne weiter.

Außer dem Platschen und dem leisen Grummeln am Himmel vernahm ich nur noch mein Herz und meinen Atem. Und Felix, der mich mit einer Mischung aus Verwirrung und Zuneigung betrachtete. Es schien, als wäre die Zeit stehen geblieben. Ich hielt die Luft für einen Moment an. Als mir schwindelig wurde, musste ich tief einatmen. Gott, roch er gut!

Plopp! Der Tropfen von seiner Nase fiel auf seine Oberlippe.

Ich wusste, dass ich starrte, konnte jedoch gar nichts dagegen tun.

Solch extremes Verlangen hatte ich noch nie im Leben für jemanden verspürt. Dieses Kribbeln schien mich regelrecht von innen aufzufressen. Jede Faser, jeder Muskel, jeder Nerv, sogar jedes Haar meines Körpers war angespannt.

Kaum merklich drückte Felix meine Hand. Ich erwiderte den Druck und lächelte, während meine Pumps ein weiteres Mal unsanft auf dem Boden auftrafen.

„Nur zur Info“, er strich mit der nun freien Hand eine Strähne hinter mein Ohr, „ich glaube, ich würde mit dir trotzdem überall hinrennen.“

„Wirklich?“, flüsterte ich.

„Ja.“ Er trat noch näher.

„Ich mit dir wohl auch.“ Meine Stimme brach.

„Du verwirrst mich, weißt du das?“, raunte er.

Meine Brust berührte seinen Oberkörper. Ich stand komplett unter Strom und war zugegebenermaßen erregt. So sehr, dass ich mir gar keine Gedanken darüber machen konnte, was ich hier unter der Brücke mit Felix Wagner eigentlich zu suchen hatte.

„Du verwirrst mich auch.“

Er lachte leise. „Dann geht’s ja nicht nur mir so.“

Ich schüttelte den Kopf. Er stupste mit seiner Nase meine an. Hoffentlich würden meine Beine mich halten.

Ich war bewegungsunfähig, aber ich hatte auch gar nicht vor, wegzulaufen.

Mit dem Daumen strich er über meine Wange. Ich schloss die Augen, hörte das Blut in meinen Ohren rauschen. Plötzlich spürte ich seinen Atem auf meiner Haut: meiner Stirn, den Augen, der Nase und den Wangen. Felix grub seine Finger in mein nasses Haar.

Ich atmete schnell und abgehackt und legte meine freie Hand an seine Brust. Sie hob und senkte sich ebenso hektisch wie meine. Dann berührte seine Wange zart meine und ich hörte ihn an meinem Ohr atmen. Ich krallte mich an seinem nassen Shirt fest, was ihm ein leises Stöhnen entlockte.

Küss mich! Küss mich! Küss mich!

Das war alles, was ich wollte. Er hauchte einen Kuss auf meinen linken Mundwinkel. Diesmal war ich diejenige, die ein leises Stöhnen aus ihrer Kehle herauspresste. Dann war die andere Seite an der Reihe.

Felix stieß noch ein „Ich kann nicht mehr“ aus und presste dann seine Lippen auf meine.

Gleichzeitig ließen wir unsere Hände los, ich schlang meine um seinen Hals und er zog mich fest an sich. Er streichelte meinen Rücken, während wir uns leidenschaftlich küssten. Er schmeckte noch ein bisschen nach Erdbeereis. Mir kam es vor, als flöge ich auf einer Wolke und wäre zur gleichen Zeit untrennbar mit dem Boden verankert.

Ich klammerte mich an Felix, an seinen erhitzten, nassen Körper. Seine Hände waren überall. In meinen Haaren, an meinem Hals, meinen Schultern, meinem Rücken und ... ich hatte nicht gewusst, dass es sich so toll anfühlen konnte, wenn ein Mann meinen Po so kräftig und doch gefühlvoll griff.

Er zog mein Becken an seins und ich spürte seine Lust deutlich. Meine rechte Hand glitt seinen Oberkörper herunter. Ich wusste nicht, welcher Teufel mich ritt, als ich sie unter sein T-Shirt schob und seine nackte Haut mit meinen Fingern berührte.

„Oh ...“, rutschte ihm heraus.

Mir war alles egal, ich wollte nur noch ...

„Anna ...“ Plötzlich hielt Felix mein Gesicht fest und löste sich von mir.

„Warum hörst du auf?“

Ich versuchte, ihn weiter zu küssen, doch er hielt mich auf Abstand.

Mein Schädel dröhnte. Ich wollte etwas sagen, doch ich konnte nicht. Ich hatte keine Ahnung, was los war. Das gerade war der schönste Kuss meines Lebens gewesen und nun fühlte ich mich zurückgestoßen. Mal wieder.

„Wow ...“ Seine Stimme klang aufgewühlt.

Ich trat einen Schritt zurück, um einen kühlen Kopf zu bekommen, was in Anbetracht der Lage ziemlich schwierig war.

Felix fuhr sich um Fassung ringend durch die Haare. Ich sah, wie sein Brustkorb sich hastig hob und senkte. Auf meinen zusammengepressten Lippen fühlte ich immer noch seine – ich wollte nicht aufhören! Nichtsdestotrotz krümmte mein Magen sich schmerzhaft.

In meinen Ohren piepte es.

Ich stand wie angewurzelt da, während Felix mich anstarrte. Der Regen hatte aufgehört, nur noch vereinzelte Regentropfen platschten auf den Boden, ein paar Vögel hatten wieder begonnen zu zwitschern.

Doch ich nahm das nur entfernt wahr.

„Wir sollten das nicht tun, Anna ...“

Ich nickte. Logisch.

Ohne etwas dagegen tun zu können, kullerten die ersten Tränen über meine Wangen. Das fehlte gerade noch.

Ich wollte fort, drehte mich weg, als Felix meinen Arm packte.

„Stopp. Hiergeblieben.“

Er zog mich zurück zu sich. Seine Wärme durchflutete mich, was mir beinahe den Atem raubte. Allerdings könnten daran auch die Tränen schuld sein, die unaufhörlich aus meinen Augen rollten. Ich ließ den Kopf hängen. Die eben noch so starke Energie in mir war verpufft, als hätte jemand eine Kerze ausgepustet.

Als Felix mein Gesicht in seine Hände nahm und meine Tränen mit den Daumen wegwischte, rutschte mir ein Schluchzen heraus. Und was machte er?!

Er lächelte.

„Das ist nicht lustig!“, fuhr ich ihn an und versuchte, mich loszumachen.

„Du bleibst hier und hörst mir zu.“

„Nein danke. Mir ist nicht nach Erklärungen.“

Mir war nach Knutschen, aber darauf nahm ja niemand Rücksicht. Ganz im Gegenteil. Felix sah mich jetzt an wie ein Hundewelpe.