Leseprobe "Mit Schirm, Charme und Kaktus"

Prolog

 

»Sehen Sie sich die Zeichnungen an. Und das von einer Zwölfjährigen!« Frau Lindemann, Kunstlehrerin der 6a, strahlte und tippte aufgeregt mit dem Finger auf das Blatt, das vor ihr auf dem massiven Teakholztisch lag. Eigentlich wirkte dieses Möbelstück viel zu monströs für ihr Büro, das kaum größer war als eine Telefonzelle.
»Ich seh’ da nix!«
Die Frau ihr gegenüber mit den roten Haaren, die wie gekochte Spaghetti herunterhingen, verdrehte die Augen.
Frau Lindemann sah mitfühlend zu dem kleinen ebenso rothaarigen Mädchen hinüber, das zusammengekauert und mit gesenktem Kopf auf dem Lehnstuhl saß - das Haar zu einem akkuraten Zopf geflochten. Das Kind wirkte zerbrechlich wie eine Porzellanpuppe - hübsch, abgesehen von der hellblauen, ausgewaschenen Bluse, die mindestens eine Kleidergröße zu klein war. Die Ärmel reichten nicht einmal bis an die dürren Handgelenke, der Stoff spannte an ihren winzigen Brüsten und die Knöpfe standen ab, als wollten sie jeden Moment flüchten. Die Lehrerin seufzte.
»Frau Rother, Sie müssen doch sehen, dass Kerstin ... Frau Rother, ist Ihnen nicht gut?«
»Hmm?« Sie blinzelte.
Frau Lindemann schwieg einen Augenblick und starrte ihr Gegenüber an, während Kerstin verlegen die Tischplatte fixierte, als wollte sie mit ihrem Blick Löcher in das Holz brennen. Ihre Mutter hingegen verschränkte nun die Arme vor der Brust und kaute ungeniert Kaugummi, als hätte sie vergessen, wo sie war.
Kerstin ballte ihre Händchen zu Fäusten, bis ihre Fingerkuppen schmerzten. Die Nägel waren bis auf das Fleisch abgekaut.
Frau Lindemann räusperte sich und schob sich eine Haarsträhne hinter das Ohr.
»Bitte Frau Rother. Ich glaube, Sie verstehen nicht, dass Ihre Tochter ...«
»Ich weiß nicht«, nuschelte Frau Rother. »Die Kerstin ist nur noch am Malen. Kann sie nichts anderes machen? Ich kann mit Kunst und dem ganzen Gedöns nichts anfangen.« Sie rümpfte die Nase und schaute sich verunsichert um. »Warum musste ich herkommen Frau ... wie heißense gleich nochmal?«
Kerstin schloss verzweifelt die Augen. Hoffentlich roch Frau Lindemann nicht den Wein in Mamas Atem. Dagegen half nicht einmal die Pfefferminze.
Falls sie es doch wahrnahm, ließ sie es sich jedenfalls nicht anmerken, wofür Kerstin ihr auf ewig dankbar sein würde. Jetzt schnappte sich die Lehrerin einen Kugelschreiber und drückte mehrmals auf den Kopf. Klick klick! Klick klick!
Schließlich richtete sie sich auf und stopfte den Stift in den überfüllten pinken Stiftebecher. Kerstin hatte bemerkt, dass nicht alle Stifte in einer Richtung darin steckten, und konnte nur schwer widerstehen, sie nicht augenblicklich zu sortieren.
Doch dann beugte sich die Lehrerin leicht über den Tisch und hielt Frau Rother die Bleistiftskizze noch einmal direkt vor die Nase.
Frau Rother schlug ihr das Papier jedoch ungehalten aus der Hand und das Ratsch!, mit dem die Zeichnung auseinanderriss, schien so laut, als würde ein Güterzug vorbeirollen.
Erschrocken zuckte Frau Lindemann zurück. Kerstin presste die Lippen zusammen und blinzelte die Tränen so gut es ging fort. Sie wollte ihre Mama nicht wütend machen.
Jetzt waren sie zerstört, die Berge und die Sonne, die sich im Meer spiegelte. An diesen Ort wünschte sie sich in Gedanken, wenn ihre Mutter zu Hause mal wieder tobte und das Geschirr durch die Wohnung schmiss, während Kerstin sich unter ihrem Bett versteckt die Ohren zuhielt.
Und doch gab die Lehrerin nicht auf, obwohl sich Kerstin in diesem Moment genau das wünschte.
»Kerstin ist außergewöhnlich, Frau Rother. Wirklich, Sie sollten darüber nachdenken, sie mehr zu fördern. Ich würde Ihnen gerne dabei helfen, denn dieses Talent ...«
»Talent?« Plötzlich begann ihre Mutter zu husten und Kerstin hielt sich vor Scham die Hände vor das Gesicht.
Frau Lindemann schlug mit der Faust so fest auf den Tisch, dass der Stiftebecher umkippte und seinen Inhalt auf dem Holz verteilte: Textmarker in rosa, gelb und grün, Kugelschreiber in allen Farben, Bleistifte und sogar der goldene Füllfederhalter.
Erleichtert sprang Kerstin auf und räumte jeden einzelnen Stift sorgfältig mit der Spitze nach unten und nach Farben geordnet in den Becher zurück. Endlich durfte sie etwas tun!
Doch da erhob sich ihre Mutter auch schon schwerfällig, allerdings nicht, ohne sich an der Tischkante festzukrallen, damit sie nicht umkippte.
»Komm Kind. Sei so nett, hilf deiner Mama und bring mich nach Hause.«
Am Abend verkroch sich Kerstin mit ihrer Taschenlampe und dem Tagebuch unter der Bettdecke. Sie konnte die Buchstaben kaum mehr erkennen, weil sie in ihren Tränen schwammen wie kleine Fische.

 

Liebes Tagebuch,
ich werde nie wieder malen. Nie wieder.
Deine Kerstin.

 


Kapitel 1

 

Wer vor seiner Zukunft steht wie vor einem Spieltisch und auf den blinden Zufall harrt, der ist ein Tor.
August von Kotzebue


Kerosin, dröhnende Motoren, dauergrinsende Damen in schicken Uniformen, viele Menschen in einer Röhre, die angeblich das sicherste Verkehrsmittel der Welt sein sollte ... und dann diese abgestandene Luft!
Außerdem gab es für meinen Fensterplatz nur diese einzige Armablage zum Nebenmann, an der ich mich festkrallen konnte - wenn sie nicht besetzt wäre.
Behelfsmäßig klammerte ich mich an meine Handtasche im Miniaturformat, die wenigstens farblich zu meinen neuen blauen Pumps passte.
Ich starrte auf die Rückenlehne des Sitzes vor mir, die auch schon bessere Tage gesehen hatte. Der Stoff war an einigen Stellen nicht mehr dunkel-, sondern hellblau. Und was die weißen Sprenkel zu bedeuten hatten, wagte ich gar nicht erst zu mutmaßen.
In Gedanken versunken, berührte ich die Spitzen meiner roten Mähne. Rostrot, nicht Pumucklrot, wie die anderen Kinder immer behauptet hatten.
Reihe 26 Platz A. A wie »Alle Mann über Bord!« oder »Absturzgarantie«. Da saß ich. Festgeschnallt wie ein Spanferkel über dem Feuer.
Im Gang machte eine der adretten Flugbegleiterinnen Pantomime, während die andere über die Lautsprecher lispelnde Erklärungen dazu abgab. Ein wenig mehr Mühe, ihre Langeweile zu überspielen, hätte sie sich ruhig geben können. Dennoch lauschte ich gebannt der piepsigen Stimme und speicherte die Sicherheitswarnungen sorgfältig in meinem Gedächtnis ab. Sauerstoffmasken oben - okay. Schwimmweste unter dem Sitz - alles klar.
Während ich nach der Karte griff, auf der alle Notausgänge sowie die Sicherheitshinweise aufgedruckt waren, holperte das sicherste Transportmittel der Welt weiter über die buckeligen Pisten des Münchener Flughafens. Vielleicht war nicht die Piste das Problem, sondern das Flugzeug selbst, dessen Fahrwerk defekt war und sich bei der Landung nicht mehr ausfahren lassen würde. Was zur Folge hätte, dass wir ... Entsetzt über meine neuesten Erkenntnisse, hielt ich die Luft an. Die letzte Chance, doch noch zu kneifen, war bereits vertan, das Flughafengebäude wurde immer winziger.
Eilig schob ich die Plastikabdeckung über das Bullauge. Was man nicht sah, war nicht da. Klappte bei Kindern auch.
»Ich wünschte, ich könnte mal wieder fliegen, das ist so wuuunderschööön!«, hatte meine beste Freundin Anna mir gestern Abend zum Abschied noch ins Ohr geflötet. Aber seitdem die kleine Josie auf der Welt war, rannte sie sowieso nur noch mit rosaroter Herzchenbrille herum.
Ich seufzte, rückte mich in meinem Sitz zurecht und setzte den vierunddreißigsten Haken auf meine imaginäre Strichliste: Gurt immer noch fest.
Rechts neben mir saßen Mario und Luigi. So nannte ich die beiden Männer, die unaufhörlich wie zwei Waschweiber auf Italienisch schnatterten. Gedanklich kramte ich das Bild meines geöffneten Koffers hervor. Unterwäsche (auch die rote, die Enrico so liebte), Kleider, Schuhe, noch mehr Schuhe ... Ah ja, ich hatte das Wörterbuch zwischen den Jeansrock und mein Nachtshirt gepackt.
Ich wünschte, die Herren würden endlich den Mund halten. Genau wie all die anderen Quasselstrippen um mich herum. Eine Frau mit langen, schwarzen Locken ein paar Reihen vor mir schien sich, gemessen an ihrer Lautstärke, unglaublich aufzuregen. Außerdem gestikulierte sie wild in der Luft herum.
Ich schloss für ein paar Sekunden die Augen. Alles unter Kontrolle, Kerstin. Einfach weiteratmen.
Als die Maschine plötzlich stoppte, stockte auch meine Atmung ein weiteres Mal. Gleich würden wir über die Startbahn preschen, in unsere Sitze gedrückt werden und ...
»Pardon, geht es Ihnen gut?«
Verwirrt drehte ich den Kopf nach rechts und schaute in ein Augenpaar, dessen Farbe so braun war wie der Schokoklecks auf einem Toffifee.
»Mir geht’s prima, und selbst?«, krächzte ich und zwang mich zu einem Lächeln.
Luigi hob skeptisch eine Augenbraue und grinste. Dabei bildeten sich kleine Fältchen in seinen Augenwinkeln.
»Sind Sie sicher? Für ›alles prima‹ drücken Sie aber ordentlich zu.«
Ich folgte seinem Blick.
Oh. Auf seinem olivfarbenen Teint schimmerte meine Hand beinahe weiß, rund um meine Fingerkuppen bildeten sich helle Druckstellen auf seinem Unterarm. Auch wenn es mir wirklich schwerfiel, löste ich langsam und konzentriert einen Finger nach dem anderen.
»Sie haben wohl Flugangst.«
»Wow, Sie sind ein Blitzmerker.«
»War nicht schwer zu erraten.«
»Niemand hat Sie gebeten, zu raten.«
»Doch, Sie. Im Übrigen ist Ihre Hand eiskalt. Wenn Sie möschten, wärme ich sie.« Er zwinkerte mir zu.
»Sie ... Sie sind ja wohl ...« Mist, mir fiel kein passendes Wort ein.
»Ja?« Erwartungsvoll hob er eine Augenbraue.
»Ach, was rede ich überhaupt mit Ihnen.« Ich winkte ab.
»Sie haben mich doch angemacht.« Schon wieder dieser Eine-Augenbraue-hoch-Blick.
»Was habe ich? Das ist ja wohl die Höhe! Zufälligerweise war ich nur ein klitzekleines bisschen aufgeregt und da ist aus Versehen ...«
Er lachte. Und dann drehte er sich einfach zur anderen Seite und plapperte wieder auf Italienisch. Wie unhöflich! Zu dumm, dass ich mich damals in der Schule für Spanisch entschieden hatte. Der andere verstand offensichtlich jedes Wort, denn er lachte schallend und zwinkerte mir zu. Empört wandte ich mich ab.
Der Mann auf Platz 26C war wesentlich älter als der Schmalspur-Italiener neben mir, auch mit Dreitagebart, allerdings grauschwarz statt nur schwarz wie Lakritze. Und er trug einen braunen, ausgeleierten Hut. An irgendjemanden erinnerte er mich. An wen bloß?
Seltsamerweise klang Toffifee-Auges minimaler Akzent überhaupt nicht nach Bella Italia. Aber wonach dann? Egal, ich mochte keine Akzente. Und schon gar nicht einen, bei dem ein Mann »möschte« sagte. Noch bevor ich weiter über das Wieso, Weshalb und Warum dieses Akzents sinnieren konnte, tippte mir jemand auf den Arm.
Oh Mann. Konnte der mich nicht einfach in Ruhe leiden lassen?
»Was denn noch?« Ich starrte stur auf die Belüftungsdüsen über meinem Kopf.
»Gleich geht’s los.«
»Sag mal, machst du dich über mich lustig?«, keifte ich und drehte mich jetzt doch wieder nach rechts.
»Oh, là, là, sind wir jetzt schon beim Du? Das freut mich aber. Ich bin ...«
Franzose.
»Hör zu, es ist mir egal, wer du bist. Ich möchte das hier einfach nur hinter mich bringen, okay?«
»Wovor hast du Angst?«
Ich öffnete den Mund, um die übliche Erklärung abzuliefern (inklusive meiner Fahrwerks-Theorie), schloss ihn jedoch im letzten Moment und schüttelte den Kopf.
»Ich wüsste nicht, was dich das angeht.«
»Na, ich will schon wissen, warum ich morgen blaue Flecke am Arm habe.«
Blaue ... Menno. Ich lachte dümmlich und klemmte die Hände zwischen meine zusammengepressten Knie.
Ohne Vorwarnung beugte sich Luigi über mich und schob mit einem Ratsch! das Rollo nach oben. Er duftete nach Zitrone und ... noch etwas, was mir irgendwie vertraut vorkam.
»Schau mal«, forderte er mich lächelnd auf.
»Auf keinen Fall.«
Doch er packte sanft mein Kinn und drehte meinen Kopf zum Fenster. Erschrocken und fasziniert hielt ich die Luft an.
»Grmpfii!«
Unglaublich! Der Kerl hatte mich so auf die Palme gebracht, dass ich den Start überhaupt nicht bemerkt hatte.
Ich schwebte einfach so in den Wolken, alles war weiß und nebelig. Und ich lebte!
Schon als kleines Mädchen hatte ich davon geträumt, auf einer dieser Schäfchenwolken zu fliegen. Anna und ich hatten oft in ihrem Garten im Schatten der alten Eiche gelegen, in den Himmel geschaut und ...
»Du kannst dich ruhig an mir festhalten«, riss mich mein Sitznachbar aus meinen Erinnerungen. »Es stört mich nicht, Chérie.«
Rumms! Ich knallte wieder auf dem Boden der Tatsachen auf.
Er zwinkerte noch einmal grinsend und widmete sich dann wieder seinem Reisegefährten. Endlich.
Gedankenverloren beobachtete ich die Eiskristalle, die sich langsam auf dem Glas bildeten, als würden sie sich bei den Händen fassen und küssen.
Ich klemmte eine verlorene Haarsträhne hinter mein Ohr.
Den ersten Teil hatte ich also geschafft. Ich würde es schon aushalten, mit Mr. Oberschlau und Indiana Jones in dieser Sardinenbüchse eingesperrt zu sein.
Ich sollte einfach ein paar Minuten dösen, bevor ... ich mir meinen Freund zurückholte.

 

Na nu, was war denn jetzt los? Meine Ohren summten, als hätte ich mir die Finger hineingesteckt. Außerdem fühlte ich mich, als flöge ich durch die Luft, wobei mein Magen direkt unter meinem Kinn zu hängen schien. Aber ...
»Oh mein Goooott!«, kreischte ich, riss die Augen auf und umklammerte mein Handtäschchen. Als ob mich das jetzt noch retten könnte! »Wir stürzen ab! Wir stürzen ab!«
Irgendjemand packte unsanft meinen Arm und rüttelte daran. Wäre ich doch nicht in dieses Flugzeugzeug gestiegen! Jetzt würde ich Enrico niemals zurückbekommen. Wie auch, wenn ich TOT war?
Mein Gehirn spulte Szenen aus meinem Leben ab. Enrico und ich am Strand. Und in Berlin. Mein Wellensittich Uwe und ich in der Badewanne, der leider kurz darauf auf tragische Weise sein Leben verlor. Omi Margi beim Häkeln in ihrem knallgrünen Sessel. Anna und ich im Garten ... Dabei sollte ich doch Josies Patentante werden!
»Haaalllooo!«, rief jemand. »Tief durchatmen, es ist alles in Ordnung.«
In Ordnung? Was bitte sehr war am Abstürzen in Ordnung? Und wieso kamen die Sauerstoffmasken nicht von oben runter?
Irgendetwas drückte auf meine Brust, als hätte sich jemand darauf gesetzt. Jemand sehr Schweres. Vergeblich versuchte ich, tief einzuatmen.
Dann löste jemand meine Finger von meiner Tasche. Zeigefinger, Mittelfinger ... Ich konnte gar nichts dagegen tun. Und immer wieder sagte er:
»Beruhige dich. Es ist alles in Ordnung. Wir landen nur.«
Ich riss den Kopf herum und sah wieder diese Toffifee-Augen. Verwirrt blinzelte ich.
»Lehn dich zurück und atme.« Er lächelte. »Ich halt dich fest.«
Die alte Frau mit dem gelben Hut in der Sitzreihe nebenan starrte entsetzt zu mir herüber. Und Indiana Jones hob den Daumen und grinste, als hätte ich in einer Quizshow die 32.000-Euro-Frage richtig beantwortet.
Landen. Festhalten. Panikanfall. Kein Absturz. Vielleicht.
Dieses Mal schaffte ich es, so tief Luft zu holen, bis mir schwindelig wurde. Anschließend lehnte ich mich zurück und atmete weiter. Ein - aus. Ein - aus. All das, obwohl sich die Spitze des Flugzeuges leicht nach unten neigte. Wir landeten nur.
Schließlich passierte etwas Verrücktes. Luigi verschränkte seine Finger mit meinen, und ich hatte urplötzlich keine Angst mehr.

In meinem ganzen Leben, und das dauerte immerhin schon dreißig Jahre, hatte ich mich nur ein einziges Mal so geschämt wie jetzt. Aber ich ließ es mir auch heute nicht anmerken, denn im Verstecken war ich schon immer gut gewesen. Seit meinem dreizehnten Lebensjahr verschwand ich regelmäßig von zu Hause, wenn meine Mutter mal wieder zu tief ins Glas geguckt hatte. Dann war ich entweder bei Anna oder in meiner geheimen Bude im Wald, zwischen den Tannen schräg gegenüber der kleinen Lichtung, auf der im Sommer Himbeeren wuchsen.
Mittlerweile hatte sich im Flugzeuggang eine Menschenschlange gebildet, die darauf wartete, freigelassen zu werden. Obwohl mich nun fast alle, die in der Nähe meiner Sitzreihe standen, teils mitleidig und teils verständnislos angafften, blieb ich mit erhobenem Kopf sitzen und lächelte, als wäre nichts gewesen. Ich hoffte nur inständig, dass meine beiden Sitznachbarn endlich verschwinden würden, denn diese Händchenhalten-Sache war mir doch ein wenig unangenehm.
Luigi, der alte Charmebolzen, sprühte nur so von Unverschämtheiten.
»Ich habe dir doch gesagt, dass du dich an mir festhalten sollst. Denn wäre es nicht so weit gekommen.«
Das hieß ›dann‹. Herrgott!
»War doch denn gar nicht so schlimm, oder, Chérie?«
Als ich nichts erwiderte, beugte er sich zu mir und ich versuchte, so wenig wie möglich zu atmen. An was auch immer dieser Geruch mich erinnerte, es fühlte sich nicht gut an.
Wie konnte ein Mann, der kurz vorher so einfühlsam gewesen war, plötzlich so unangenehm sein?
Ich starrte geradeaus und zählte die weißen Sprenkel.
»Hey, Jeanne D’Arc, sprichst du nicht mehr mit mir?«
»Lass meine Haare aus dem Spiel!« Da verstand ich wirklich keinen Spaß. Als Kind war ich wegen meiner Haare gehänselt worden, trotzdem fand ich sie schön. Immer schon. Und sie passten zu mir.
»Wenigstens redest du jetzt wieder mit mir.«
»Lässt du mir eine Wahl?« Ich sah ihn an. Seine Augen wirkten so freundlich. Schade, dass dahinter so ein Angeber steckte. »Also. Danke für deine Hilfe. Das war wirklich sehr nett.« Zur Bestätigung nickte ich.
»Nett klingt so abwertend.«
»Nett heißt nett. So, und jetzt ...«, ich packte meine Handtasche und meine Strickjacke und sprang auf, »adiós und auf Nimmerwiedersehen.«
Er machte sich nicht einmal die Mühe, seine langen Gliedmaßen einzuziehen, ganz im Gegensatz zu Indiana. Der schien wenigstens höflich zu sein.
Ich kletterte also über die Beine meiner beiden Fluggefährten und quetschte mich noch vor der alten Frau im gelben Hut in die Reihe zum Ausgang.
»He Sie!«, meckerte die Alte.
Ich drehte mich ruckartig um und sie fuchtelte wütend mit ihrem Gehstock herum. Dabei hätte sie Indiana beinahe den Hut vom Kopf gefegt.
Ich zwang mich zu einem hoffentlich liebreizenden Lächeln und öffnete den Mund, um die kleine Mary Poppins anzugiften. Doch dann sah ich plötzlich meinen Vater und mich vor meinem geistigen Auge in die Linie 1 am Kölner Neumarkt einsteigen. Ich trug Zöpfe, auf dem Rücken meinen Heidi-Rucksack und im einen Arm mein Kuschelkaninchen Hopps, dem schon ein Ohr fehlte. Als ich auf einen freien Platz klettern wollte, schubste mich eine alte Frau, die einen Einkaufstrolley hinter sich herzog, unsanft zur Seite und ließ sich ächzend auf meinem Platz nieder. Papa hatte seine Hand auf meine Schulter gelegt und sich zu mir hinuntergebeugt.
»Wir überlassen ihr den Platz, Sternchen. Die Frau ist schon alt und wir sind doch höflich. Das nennt man Respekt.«
Dann hatte er gezwinkert und meinen Kopf gestreichelt.
»Gehense jetzt weiter oder wollense Wurzeln schlagen?« Die Hut-Frau wedelte schon wieder mit ihrer Gehhilfe.
Ich atmete tief durch, schüttelte den Kopf und ließ mich von der Karawane nach draußen schieben.

»Hören Sie, ich habe für heute einen Wagen gebucht. Abholung hier. Jetzt.« Ich stützte mich mit den Ellenbogen auf den Tresen vor mir, über dem ein Schild mit der Aufschrift »Autonoleggio« stand. Autovermietung. Wieso also schaffte dieser Schnösel auf der anderen Seite es nicht, genau das zu tun?
»Scusi, aber ich habe gar keine Auto mehr.« Er rückte seine Brille zurecht und fuhr sich durch sein schwarzes Haar. Was für ein Unsinn, bei den Unmengen an Haargel. Sein Kopf glänzte wie eine polierte Nobelkarosse.
»Scusi«, ahmte ich ihn nach und räusperte mich schließlich. »Bitte. Por favor ... per favore. Ich brauche ein Auto. Ich habe es gebucht. Hier.« Ich legte ihm den zerknitterten Zettel vor die Nase.
Ich wollte nur noch raus aus diesem Gewusel. Menschen, wohin das Auge blickte. Obwohl es ein überschaubarer Flughafen war, nicht so riesig wie München. Eine Durchsage nach der anderen tönte blechern durch die Lautsprecher. Koffer in allen Farben und Formen, Freudentränen, Abschiedstränen ... Und der Kerl vor mir sah mich an, als wäre ich eine lästige Fliege.
»Scusi Signorina, aber hier isse etwas schief gelaufen. Es tute mir sehr leid. Vielleichte Sie versuchen es bei eine andere Agentur.«
»Aber ich habe doch bei Ihnen gebucht ...« Resigniert ließ ich den Kopf sinken.
»Wie gesagt, ese tut mir sehr leid.«
Lügner! Erschöpft nickte ich in Richtung des wertlosen Buchungszettels und murmelte: »Können Sie behalten.«
Dann schnappte ich meinen pinken Rollkoffer und stapfte in Richtung Wegweiser. Als würde mich dieses winzige Hindernis aufhalten!
Wäre doch gelacht, wenn ich keinen Mietwagen ergattern würde.

Eine Stunde später saß ich zu müde, um mich noch aufzuregen, auf meinem Koffer vor dem Flughafengebäude.
Es stank nach Kerosin und das Dröhnen der Flugzeugmotoren hallte bis hierher. Hin und wieder lugte sie Sonne an den Wolken vorbei und kitzelte meine Haut. Wieder kramte ich meine imaginäre Liste hervor: Sonnencreme - Häkchen dran.
Geistesabwesend beobachtete ich die vielen Beine und Schuhe, die an mir vorbeihuschten. Grüne Schuhe, schwarze, Sandalen (der Kerl hätte ausnahmsweise Socken zu seinen Shorts anziehen sollen), dicke Beine, dünne, sehr sehr behaarte -  die Liste ließe sich endlos fortführen.
Und wie ich da so saß und mich nicht damit anfreunden konnte, eine Nacht am Flughafen zu verbringen, blieben plötzlich zwei dieser behaarten Beine, gekleidet in weiße Sneakers und hellblaue Cargo-Shorts, vor mir stehen.
»Wen haben wir denn da?«
Ach, du meine Güte. Diese Stimme kannte ich doch. Langsam und in der Hoffnung, mich getäuscht zu haben, hob ich den Kopf. Aber auch das schwarze T-Shirt mit der unmissverständlichen Aufforderung »Take me, I’m yours« bewies: Irrtum ausgeschlossen. Auch die schlanken Hände mit den langen Fingern kannte ich nur zu gut, hatte ich doch vorhin eine davon gehalten. Das freche Grinsen und die Toffifee-Augen ... Luigi was back.
»Na, wenn das nicht Jeanne ist.«
Ich richtete mich ächzend auf, meine Füße brannten. Aber nur ein winziges bisschen, wie das mit neuen Schuhen eben so ist.
Nun positionierte ich mich direkt vor ihm. Er war größer als ich, was mich dazu zwang, zu ihm aufzuschauen, trotz der Pumps. Lässig stemmte ich eine Hand in die Seite, neigte leicht den Kopf und setzte mein süßestes Lächeln auf.
»Ciao Luigi.«
Er lachte und zwinkerte mir zu.
»Hast du ein Problem mit den Augen? Du solltest damit zum Arzt gehen.«
»Verdammt, du bist echt frech. Das gefällt mir.«
Genervt schaute ich gen Himmel. »Du bist wirklich sehr von dir überzeugt.«
»Für dich bin ich alles, was du willst, Jeanne.«
Ich schüttelte demonstrativ mein Haar und blinzelte ihn dann an. Die Sonne war nun endgültig hinter ihrer Wolke hervorgekrochen und ich legte schützend die Hand über meine Augen.
»Was machst du noch hier, so ganz allein?« Jetzt sah er mich aufmerksam an. »Du siehst aus, als wärst du lieber woanders.«
»Gar nicht! Ich bin ... ich warte ... na ja ...« Der Zitronenduft war verschwunden, aber diese leicht süßliche Note trug er immer noch mit sich herum. »Mein Freund holt mich gleich ab.«
»Ah, ich verstehe. Denn scheinst du dich ja nicht sehr auf ihn zu freuen, so wie du guckst.«
»Ich gucke ganz normal. So wie immer.«
»Vorhin im Flugzeug hast du nicht halb so missmutig ausgesehen wie gerade.«
»Miss ... Muss an dir liegen.«
»Ich liebe es, von einer hübschen Frau Komplimente zu bekommen.«
Ich schnappte nach Luft, aber die nächste Gemeinheit blieb mir im Halse stecken. Frauen waren so berechenbar!
Er lachte. Wie sooft. Verärgert rümpfte ich die Nase. Aber schöne Zähne hatte er, das musste ich ihm lassen. Nur der eine Schneidezahn oben rechts stand ein kleines bisschen schief.
»Wohnt dein Freund in der Nähe? Also ich würde meine Freundin nicht so lange warten lassen. Denn ist der Ärger nämlich vorprogrammiert.« Er steckte die Hände in die Hosentaschen. »Na, denn werd’ ich mal. Schön, dass wir uns noch mal gesehen haben. Mein Vater wartet da drüben auf mich. In unserem Mietauto.«
Das war mein Stichwort! Ich richtete mich kerzengerade auf und presste die Lippen zusammen.
»Ich habe gehört, dass es heute einen kleinen Engpass gibt. Sei froh, dass du gleich abgeholt wirst und nicht zu denen gehörst, die ...«
»Ich habe kein Auto bekommen«, platzte es aus mir heraus. »Trotz Reservierung und mein Freund kommt mich auch nicht abholen. Genau genommen weiß er nicht einmal, dass ich zu ihm unterwegs bin. Folglich werde ich wohl hierbleiben, bis ich morgen entweder einen Wagen bekomme oder den Zug nehme.«
»Warum nimmst du dir kein Taxi und gehst in ein Hotel?« Der Augenbrauen-Blick.
Ja, warum eigentlich?
»Wohin willst du?«
Das waren ja schon fast NSA-Verhörmethoden. Prompt hatte ich das Bild von Annas Mutter vor Augen, wie sie mit  erhobenem Rührbesen aus Anna und mir herausquetschte, wo wir die Nacht verbracht hatten.
Ich seufzte ergeben. »Amilia. Falls du das kennst.«
Seine Mundwinkel zuckten. »Amilia. Das kenne ich. Wir fahren ... in diese Richtung.«
Ich musterte ihn skeptisch. »Warum sagst du das so komisch?«
»Gar nicht komisch.« Er trat von einem Bein auf das andere. »Also denn, Jeanne D’Arc, falls ...«
»Hör auf dich über meine Haare lustig zu machen, Luigi! Aus dem Alter sind wir raus.«
»Hmm.« Jetzt guckte er mich durchdringend an. Warum redete ich eigentlich noch mit ihm? Er war arrogant, aufdringlich und nervig. Vielleicht sollte ich es doch nicht darauf anlegen, mit diesem Besserwisser in ein Auto zu steigen.
»Du könntest mit uns fahren.«
Beinahe wäre ich rückwärts über meinen Koffer gestolpert. Hilflos ruderte ich mit den Armen (so wie beim Basketball damals in der Schule - »Hier bin ich! Wirf zu mir!«) und Luigi packte mich gerade noch rechtzeitig, ehe ich das Gleichgewicht verlor. Schon wieder hatte ich es ihm zu verdanken, dass ich nicht abstürzte. Für einen Moment sahen wir uns schweigend an, dann räusperte ich mich. »Wie heißt du eigentlich wirklich?«
»Ich dachte, das ist dir total egal.«
Ich verdrehte die Augen. »Ich mag dich aber nicht Luigi nennen. Passt irgendwie nicht.«
»Was würde denn zu mir passen?«
Ich hob die Achseln und streckte die Arme zur Seite.
»Ich mache dir ein Angebot, aber dafür musst du aufhören, Widerworte zu geben«, meinte er nun.
Ich brummte missmutig.
»Du bist neugierig. Und klug. Und ich kann dich nach Amilia bringen. Heute noch.«
»Ich soll zu zwei fremden Männern ins Auto steigen?« Ich schnaubte. »Mein Gott, zuerst muss ich diese Schuhe ausziehen. Meine Füße brennen wie Feuer.«
Er musterte mich ungeniert von oben bis unten. »Wär schade drum.«
Seine Blicke ignorierend, schlüpfte aus meinen schicken Schuhen und bewegte erleichtert die Zehen. Viel besser! Allerdings war ich jetzt einige Zentimeter geschrumpft.
»So gefällst du mir. Nicht ganz so beängstigend.«
»Als ob du Angst vor mir hättest.« Ich platzierte die Pumps ordentlich neben meinem Koffer, exakt parallel zu der Lücke zwischen den Gehwegplatten.
»Hab ich nicht. Aber du offensichtlich. Also hör zu.« Er holte tief Luft und ich konnte nicht anders, als gespannt zu warten. »Ich bringe es nicht übers Herz, dich hier allein zurückzulassen. Mein Vater und ich fahren in deine Richtung, deswegen würden wir uns freuen, wenn du uns begleitest. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich heiße ...« Aus seiner Gesäßtasche holte er eine Geldbörse hervor und reichte mir schließlich seinen Reisepass. »Louis. Louis Dubios. Mein Vater heißt Paolo. Auch Dubios. Mach ein Foto von meinem Ausweis und schick es jemandem, dem du vertraust. Und denn kommst du mit.«
»Dann.«
»Was dann?«
»Es heißt dann.«
»Was?«
Ich winkte ab. »Egal. Ich muss kurz nachdenken.«
So sehr ich mich jedoch anstrengte, ich war zu keinem klaren Gedanken fähig. Musste an der Müdigkeit liegen. Oder an der Sonne - es war viel zu warm für einen späten Nachmittag im September.