Leseprobe "Törtchen zum Verlieben"

Prolog

 

Es war die Nacht vor ihrer Hochzeit mit Friedrich von Himmelsthal, als Leonore im Regen von dem morschen Steg aus in die Dunkelheit starrte und den Tropfen lauschte, die die Wasseroberfläche durchschlugen. Die Schuhe in der einen, den kratzigen Wollmantel – ein Geburtstagsgeschenk von Friedrichs Mutter – in der anderen Hand, spürte sie, dass ihr das Abendkleid wie eine zweite Haut am Körper klebte.
     Die herbstliche Kälte war jedoch wie von Zauberhand den Sonnenstrahlen jenes Sommers gewichen, an den sich Leonore in diesem Moment nur allzu lebhaft erinnerte. Den Sommer, in dem ein zehnjähriger Trotzkopf beschlossen hatte, später einen reichen Mann zu heiraten.
     Leonore hörte immer noch das Kinderlachen, das um die Eichen herumgetanzt war. Sie vernahm die Wellen, die die Pfeiler des Steges umspielten, das Quietschen der Blockflöte, auf der ihre zwei Jahre jüngere Schwester Martha ein neues Stück einübte. Mit zehn Jahren durfte Leonore nun endlich Klavier spielen. Sie liebte die Unterrichtsstunden auf dem schwarz glänzenden Flügel ihrer Lehrerin genauso sehr, wie sie ihre Eltern dafür verfluchte, ihr dieses alte, scheppernde Etwas von einem Klavier in die Wohnstube gestellt zu haben.
     Nun, zwölf Jahre später, Jahre, die weder an dem Holzsteg noch an ihr spurlos vorübergezogen waren, weinte Leonore, und ihre Tränen vermischten sich mit den Regentropfen.
Damals hatte sie sich geärgert, dass ihre Eltern nichts als die Arbeit im Kopf hatten, ihr Vater sich immerzu in den Gärten fremder Leute herumtrieb und ihre Mutter mehr Zeit in anderen Haushalten als in ihrem eigenen verbrachte.
     Heute wusste Leonore, dass der Vater ihretwegen beim Holzhacken die Hand verloren und Mama sich nur aus Liebe zu ihren Kindern den Rücken und die Hände kaputtgearbeitet hatte. Nur, damit sie und Martha ordentliche Kleider tragen und Instrumente erlernen konnten.
     »Leonore, Liebling! Was machst du da?«
     Sie fuhr herum und erkannte Friedrich, der ihr, mit Taschenlampe und Regenschirm bewaffnet, durch die   nasse Wiese entgegen watete.
     »Ich war spazieren«, schluchzte Leonore und sank in seine Arme.
     »Das muss wohl die Aufregung sein.« Er lachte leise. »Komm mit mir ins Haus. Loretta lässt dir ein Bad ein, dann wird es dir bald besser gehen.«
     Der vertraute Duft nach seinem Rasierwasser und dem Wein, den sie an diesem Abend mit ihren zukünftigen Schwiegereltern verköstigt hatten, Friedrichs Körper und seine wärmenden Worte ließen Leonore jedoch nur noch bitterlicher weinen.
     »Ich mache es wieder gut«, wimmerte sie. »Ich verspreche es.«
     Friedrich küsste Leonores Stirn. »Meine Eltern sind bereits gegangen, es gibt nichts, was du gutmachen müsstest, mein Schatz.«
     Für wenige Sekunden schloss sie die Augen und atmete tief ein und aus, um ihre Fassung wiederzuerlangen.
     Und ich mache es doch wieder gut, Friedrich.
     Dann folgte sie ihm in ihr neues Leben.

 

Kapitel 1

 

Es gibt Augenblicke, in denen man nicht nur sehen, sondern auch ein Auge zudrücken muss.

Benjamin Franklin

 

Victoria

 

»Wo ist denn mein kleines Goldstück? Na kooomm! Komm zu Mami, Little Princess!« Frau Winterkrone klatschte in die manikürten Hände, während ich mit dem Zeigefinger meine Brille zurechtschob.
Little Princess ließ sich vom Flehen ihres Frauchens allerdings nicht beeindrucken. Sie verharrte unter der Chaiselongue, unter der ich mich auch viel lieber verstecken würde, anstatt mich von den unzähligen Mopsaugen auf den Bildern an den Wänden anstarren zu lassen. Wer ließ, bitte schön, jedes seiner Haustiere in Ölfarben verewigen?
     »Komm, mein Baby, komm zu Mami!«
     Der Hund schien schlauer zu sein, als das Ölporträt über der barocken Anrichte vermuten ließ – falls es sich bei dem Mops im Schottenmäntelchen nicht um eine von Little Princess’ Vorgängerinnen handelte. Ich trat einen Schritt zurück, um die Gemälde miteinander zu vergleichen, musste jedoch feststellen, dass alle Möpse irgendwie gleich aussahen.
     Nun wandte ich mich an die Mopsmama und wedelte dabei mit meinem Diktiergerät. »Frau Winterkrone, wie wäre es, wenn wir das Interview über Ihren Mopsklub ohne den Hund führen?«
     Seit einer Dreiviertelstunde versuchte die Klubvorsitzende vergeblich, ihren Liebling zu sich zu locken. Fünfundvierzig Minuten, die mich von meinem Mittagessen fernhielten.
     »Hund?«, quietschte nun Frau Winterkrone, ihr Ohrring wackelte aufgeregt. »Little Princess ist nicht nur ein Hund, sie ist das Herzstück unseres Vereins. Die Basis dieses Gesprächs.« Dann hockte sie sich vor das geblümte Sitzmonster. »Princi, komm doch her. Sonst gibt’s nachher kein Leckerli zum Tee, hörst du?«
     Ergeben sank ich in den unglaublich kratzigen Ohrensessel. Adé, makellose Vita. Neben erfolgreich abgeschlossenem Studium für Kommunikations- und Medienwissenschaften, einem Volontariat bei einer renommierten Boulevardzeitschrift und meiner jetzigen Anstellung beim Hamburger Express erhielt mein journalistischer Lebenslauf hiermit einen hässlichen Tintenfleck. Karrieretiefpunkt: Interview mit einem Mops.
     Die Schuld trug im Grunde mein Lieblingskollege Álvaro, für den ich eingesprungen war, damit er seinen Freund samt Baby vom Flughafen abholen konnte. Er hatte gestrahlt wie das Flutlicht im Volksparkstadion, weswegen ich unmöglich Nein sagen konnte. Zum Dank hatte er mir drei Rationen turrón spendiert. Süße Plombenzieher, die er jedes Jahr kiloweise aus seinem Heimaturlaub in Andalusien mitbrachte – meine kleine Schwäche, die Álvaro und ich ganzjährig zelebrierten, obgleich es sich bei der Karamell-Mandel-Honig-Köstlichkeit um eine Weihnachtsspezialität handelte.
     »Meinen Sie, es besteht noch Hoffnung, dass der Hund … dass Little Princess sich zu uns gesellen wird?«    Ungeduldig schielte ich auf die Kuckucksuhr über dem Röhrenfernseher.
     Wenn diese Schriftstellerwitwe Leonore von Himmelsthal endlich zu dem von mir geplanten Exklusivinterview bereit wäre, müsste ich mich mit lächerlichen Jobs wie diesem hier nicht mehr herumärgern. Neben mir gab es nur noch eine weitere Redakteursanwärterin, deren Kandidatur allerdings nicht aus herausragenden journalistischen Leistungen, sondern aus einem Techtelmechtel mit Otto Lilienschröter, dem Chef höchstpersönlich, bestand.
     »Die Reportage ist ein kleines Bonbon für mich«, hatte Lilienschröter zu mir gemeint. »Damit ich sehe, dass Sie die Stelle wirklich wollen.«

    Ich wollte sie, aber mir fehlte die zündende Idee, wie ich an die Millionärin herankommen konnte, die sich seit dem Tod ihres Mannes in ihrer schmucken Villa verschanzte und zu keinem Gespräch bereit war – zumindest nicht mit einer Journalistin.
     Frau Winterkrone kroch in der Zwischenzeit auf allen vieren über den Hochflorteppich und angelte nach ihrem Baby. »Little Princess, jetzt wird die Mami aber böse.«
     Ich wagte einen zweiten Vorstoß. »Gehen wir doch nebenher schon ein paar Punkte durch – allgemeine Fragen, keine Hundefragen.«
     »Du bist heute sehr ungezogen, mein Schatz. Die Tante von der Zeitung will dir doch nur ein paar Fragen stellen.«

    Tiefpunkt. Definitiv. Seufzend verschloss ich für ein paar Sekunden die Augen vor der Realität.
     »Ich hab’s gleich, Frau Berger. Die Kleine ist ein wenig schüchtern, das verstehen Sie sicher.« Frau Winterkrone guckte mich mit Kulleraugen an, als wäre sie der Mops.
     »Pressetermine sind eben immer sehr aufregend, nicht wahr?«, sagte ich betont verständnisvoll.
     Es nutzte nichts, ich musste warten und dachte an meinen Vater, der jetzt vielleicht in Mamas Schaukelstuhl sein Mittagspäuschen machte und die Zeitung las. Die Fernsehzeitung wohlgemerkt. Schließlich war Montag.
     Mit vier Jahren hatte ich zum ersten Mal in dem Programmheft geblättert, dessen Ausgaben noch heute unter dem Obstkorb auf Papas Couchtisch lagen. Von da an stand für mich fest, dass ich, wenn ich groß bin, für eine Zeitung arbeiten würde, und natürlich kam dafür nur eine Rundfunkzeitung infrage, schließlich musste ich diejenige sein, die das Fernsehprogramm bestimmte. Einige Jahre später begriff ich, dass mein Wunsch nach der Programmgestaltung unerfüllt bleiben würde. Deswegen passte ich ihn an: Ich wollte für die BRAVO schreiben, am liebsten über die Stars und Sternchen wie Take That, Michael Jackson – eben über alle, die für Teenies wie mich funkelten und unerreichbar schienen. Als ich schließlich mein Abitur in der Tasche hatte, hatten sich Take That aufgelöst. Mein Traum hingegen blieb in meinem Kopf verankert wie ein Segelboot vor einer karibischen Insel, sanft schaukelnd, bis es irgendwann zu seiner Weltreise aufbrechen würde. Die Segel hatte ich gehisst, doch der Wind blies derzeit offenbar landeinwärts.
     »Tut mir leid, Frau Berger, aber mein Schatz hat nun mal ihren eigenen Kopf. So wird das nichts mit der Befragung.« Ächzend erhob sich Frau Winterkrone und hob hilflos die Hände.
     Ich mahnte mich innerlich zur Nachsicht und rückte erneut die Brille zurecht. Auf keinen Fall würde ich diese Wohnung ohne das verflixte Interview verlassen. So schwer konnte es doch nicht sein, das Schoßhündchen aus seinem Versteck zu locken! Ich sprang auf und wühlte in meiner Prada-Handtasche nach dem Gemüsewrap. Meinem Mittagessen. Aber was machte man nicht alles für die Karriere? »Moment, das haben wir gleich.«
     Ein letztes Mal strich ich mein Kostüm glatt, das ich eigens für Termine mit den Schönen und Reichen angeschafft hatte. Dann stapfte ich über den Teppich, dessen Flor so hoch war wie das Gras einer Spielplatzwiese, und hockte mich vor die Sitzgelegenheit, unter der der Mops nervös hechelte. Wahrscheinlich witterte sie den Leckerbissen, den ich ihr nun entgegenhielt.
     »Frau Berger, davon bekommt Little Princess Bauchschmerzen.« Die kauzige Vorstandsdame hob mahnend den Finger. »Wenn Sie meinem Schatz auch nur ein Haar krümmen …!«
     »Vertrauen Sie mir, ich kenne mich mit Hunden aus.« Todesmutig kauerte ich mich vor das Sofa.
     »Im Ernst?«
     Wirkte ich etwa wie jemand, der keine Ahnung von Hunden hatte? Wenn ja, musste ich dringend an meiner schauspielerischen Überzeugungskraft arbeiten.
     »Wir hatten früher vier Schäferhunde und einen Rottweiler. Glauben Sie mir, ich weiß, wie der Hase läuft«, schwindelte ich.
     »Hase?«
     »Sie wissen schon.«
     Bei näherer Betrachtung ähnelte der Teppich übrigens nicht mehr einem Rasen, sondern einem zweiten Hund, und ich würde vermutlich bald das dritte Fellknäuel im Bunde sein, wenn ich noch länger auf dem Fußboden herumrobbte. Trotz allem krümmte ich mich zusammen, um unter das Möbelstück zu schauen, unter dem Little Princess hockte und mir die Zunge herausstreckte.
     »Guck mal, was ich für dich habe. Mmh, lecker. Mit sehr viel Gemüse.«
     Little Princess rümpfte ihr schwarzes Näschen. Gemüse gehörte offensichtlich nicht zu ihren Lieblingsspeisen.
     »Und mit Majo. Mmh.«
     Ich schreckte auf, als mein Handy Beyoncés »All the single ladies« zu trällern begann und Little Princess kläffend einstimmte.
     »Das mag sie gar nicht«, beschwerte sich Frau Winterkrone. »Ein furchtbarer Gesang!«
     »Liebe Frau Winterkrone, wären Sie so freundlich, mir meine Tasche zu reichen?« Ich strahlte sie an, kurz davor, in Lichtgeschwindigkeit diese Wohnung, das Land und den Planeten zu verlassen. Diese Frau. Dieser Hund. Dieses blöde Telefon. Hektisch fischte ich in meiner Prada, die ich nie im Leben privat ausführen würde, nach dem Störenfried.
     »Frau Berger? Wo sind Sie?«, blaffte Otto Lilienschröter, während der Mops kein Stück daran dachte, sein Gebelle einzustellen. Herrgott noch mal.
     »Ich bin bei Little Princess, der Vorsitzenden des Rottweilervereins.«
     »Sind Sie übergeschnappt?«
     »Eine gute Frage, Herr Lilienschröter. Ich springe für Herrn García ein und …«
     »Das interessiert mich nicht«, bellte mein Chef. »Aber wissen Sie, was mich interessiert, Frau Berger? Leonore von Himmelsthal. Wie ich höre, sind Sie immer noch nicht an ihr dran. Erklärung?«
     »Ich bin längst so gut wie drin.«
     »Drin?«
     »In der Villa.«
     »Sie haben einen Termin in der Villa?«
     Little Princess nutzte meine Unachtsamkeit prompt aus und schnappte sich den Wrap. Mistvieh.
     »Ich werde sogar dort wohnen.«
     »Was? Wohnen? In der Villa von Leonore von Himmelsthal?« Meine Güte, war der heute begriffsstutzig. »Frau Berger, wenn das wirklich wahr ist, wenn Sie das liefern, was mir gerade vorschwebt … Sie wissen ja, der Redakteursposten.«
     Wie sollte ich das vergessen, wo er mich doch ständig daran erinnerte?
     »Sie bekommen Ihre Reportage. In zwei Wochen.«
     »Ich nehme Sie beim Wort, Frau Berger.« Jetzt hatte er diese Oberlehrerstimme eingeschaltet. Nur zu deutlich sah ich, wie er sich kerzengerade aufrichtete und mit den Fingerspitzen auf dem gläsernen Schreibtisch herumtrommelte. »Sie wissen, Frau Berger, diese Frau hat ein Geheimnis. Und Sie lüften es.«
     »Verlassen Sie sich auf mich. Ich …« Tut, tut, tut.
     Ich war geliefert. Denn ich war nicht nur meilenweit von Leonore von Himmelsthal, sondern auch von der Erleuchtung entfernt, wie ich an sie herankommen sollte. Ein Plan musste her. Und zwar schnell.
     »So, du kommst jetzt her, Fräulein«, mahnte ich und beugte mich erneut zu Little Princess hinunter.
     Eines stand fest: Zuerst würde ich mir den Mops schnappen. Und dann die Witwe.

 

 

Weiter geht es am 12. Januar